Als Wien zum Monster wurde: Die Geschichte von „Groß-Wien“

Wien wird heute als moderne, kompakte Metropole wahrgenommen, die regelmäßig an der Spitze der Lebensqualitätsrankings steht. Doch das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, als Wien ein Gigant war, ein künstlich aufgeblähtes politisches Projekt, das die Stärke des Dritten Reiches demonstrieren sollte. Die Geschichte des sogenannten „Groß-Wien“ (Groß-Wien) ist ein faszinierendes Kapitel der Geschichte, in dem sich nazistische Megalomanie, nachkriegsgeopolitische Schachzüge und kuriose technische Details vermischen, die bis ins 21. Jahrhundert überdauert haben.

Es war das Jahr 1938. Österreich war nach dem Anschluss Teil des nationalsozialistischen Deutschlands geworden, und Berlin wollte aus dem alten kaiserlichen Sitz an der Donau mehr machen als nur eine Provinzstadt. Der Plan war klar: die größte Stadt des Reiches nach Fläche zu schaffen.

Die Entscheidung der Reichsregierung vom 1. Oktober 1938 war radikal. Mit Wirkung von Mitte Oktober hörten 97 niederösterreichische Gemeinden faktisch auf, als eigenständige Einheiten zu existieren und wurden Teil der Hauptstadt. Wien wuchs über Nacht auf unglaubliche 1215 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Das heutige Bratislava hat etwa 367 km². Wien wurde zu einem „Monster“, das Weinberge, Wälder und industrielle Vororte weit über seine ursprünglichen Grenzen hinweg verschlang.

Die Nazis teilten dieses Gebiet in 26 Bezirke auf. Viele der Namen, die wir heute als eigenständige Städte rund um Wien kennen, wurden damals nur zu Zahlen im Adressverzeichnis des Magistrats. Mödling war der 24. Bezirk, Klosterneuburg der 26. und Schwechat, wo heute die Flugzeuge landen, die nach Österreich fliegen, wurde unter der Nummer 23 geführt.

Demokratisches Vakuum und sowjetisches „Nein“

Nach dem Fall des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1945 schien es, als wäre die Rückkehr zu den ursprünglichen Grenzen eine Formalität. Österreich versuchte, sich von dem Erbe des Nationalsozialismus zu befreien, und im Juni 1946 einigten sich Wien, Niederösterreich und das österreichische Parlament (Nationalrat) darauf, dass die meisten dieser erzwungenen Integrationen aufgehoben werden müssten.

Doch dann kam die große Politik des Kalten Krieges ins Spiel. Österreich war nach dem Krieg in Besatzungszonen aufgeteilt, und über das Schicksal Wiens entschied der alliierte Kontrollrat. Während die westlichen Alliierten gegen eine Grenzänderung keine Einwände hatten, sagte die Sowjetunion entschieden „Nyet“.

Der Grund war pragmatisch. Die Sowjets kontrollierten Niederösterreich und strategische Punkte in der Umgebung der Stadt. Die Beibehaltung Wiens in seiner „aufgeblähten“ Form gab ihnen mehr Einfluss auf die Verwaltung und Logistik in der Region. Das Ergebnis war ein bizarrer rechtlicher und politischer Hybrid, der fast ein Jahrzehnt andauerte. Die Bewohner der angeschlossenen Gemeinden befanden sich in einem rechtlichen Vakuum. Sie konnten zwar Vertreter in den niederösterreichischen Landtag wählen, doch ihre Abgeordneten hatten dort kein Stimmrecht. Gleichzeitig wurden sie vom Wiener Magistrat verwaltet, obwohl sie im Wiener Gemeinderat nicht vertreten waren. Sie waren Bürger zweiter Klasse in einer Stadt, in der viele von ihnen nicht einmal sein wollten.

Das Jahr 1954: Große Schrumpfung

Erst ein Jahr vor dem vollständigen Abzug der Besatzungstruppen aus Österreich, im Jahr 1954, bewegten sich die Dinge. Die Sowjetunion unter neuer Führung milderte ihre Haltung und stimmte einer Gebietsreform zu. Am 1. September 1954 zerfiel „Groß-Wien“ offiziell.

Für 80 Gemeinden bedeutete dies die Rückkehr unter die Fittiche Niederösterreichs. Paradoxerweise hatten sich nach 16 Jahren viele Menschen bereits an die Wiener Adresse gewöhnt. In Städten wie Mödling oder Klosterneuburg fanden sogar inoffizielle Referenden und Kampagnen statt, in denen ein Teil der Bevölkerung den Verbleib im Bund mit der Metropole forderte. Die Aussicht auf die Wiener Infrastruktur und Prestige war für manche verlockender als die Rückkehr zum Provinzstatus.

Die politische Entscheidung von 1946 blieb jedoch in Kraft. Wien verlor zwei Drittel seiner Fläche und schrumpfte auf die heutigen 415 km². Der Stadt blieben nur 17 Gemeinden, die heute das moderne Gesicht des 22. Bezirks (Donaustadt) und des 23. Bezirks (Liesing) bilden.

Gespenster der Vergangenheit am Telefonhörer

Obwohl die Karten seit 1954 neu gezeichnet wurden, ist „Groß-Wien“ in Wirklichkeit nie ganz verschwunden. Wenn Sie sich heute eine technische Karte der österreichischen Infrastruktur ansehen, sehen Sie die unsichtbaren Grenzen von Hitlers Projekt.

Das sichtbarste Relikt sind die Telefonvorwahlen. Wenn Sie nach Schwechat, Perchtoldsdorf oder Mauerbach anrufen, verwenden Sie nicht die niederösterreichischen Vorwahlen, sondern die Wiener „01“. Diese Gemeinden blieben als Wiener Inseln im Ozean niederösterreichischer Telefonnetze. Ähnlich verhält es sich mit der Energieversorgung. Der Strom für viele dieser „abgetrennten“ Gemeinden wird von Wiener Netze und nicht von einem niederösterreichischen Anbieter geliefert.

Dieser historische Exkurs erinnert uns daran, dass die Grenzen von Städten nicht nur Linien auf einer Karte sind, sondern das Ergebnis politischer Ambitionen, Ideologien und diplomatischer Kompromisse. Wien ist heute vielleicht kleiner, als man sich 1938 in Berlin erträumt hatte, aber für ihre Bewohner ist es zweifellos eine Verbesserung. Die Ära von Groß-Wien bleibt ein warnender Fingerzeig, wie leicht die Identität von Orten und das Leben von Menschen im Namen staatlicher Propaganda manipuliert werden können.

Das heutige Wien benötigt keine Fläche von 1200 Quadratkilometern, um eine große Stadt zu sein. Ihre Größe liegt in etwas ganz anderem als in der Anzahl der Katastergebiete. Dennoch, jedes Mal, wenn in Schwechat jemand mit der Vorwahl 01 telefoniert, hallt ein leises Echo des Jahres 1938 im Hörer wider.

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Verwendete Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9F-Wien

Illustrationsfoto: https://images.pexels.com/photos/29686877/pexels-photo-29686877.jpeg

Autor: Boris Zima

Mail: boris.zima@viedencan.at