Als Google nicht existierte: Verloren in Wien fand er ein Zuhause im Emigrantenclub

Die Ankunft in einer fremden Stadt ist für viele eine Prüfung. Noch bevor wir Adressen und Routen in wenigen Sekunden googeln konnten, war diese Erfahrung umso intensiver. Die Geschichte unseres Lesers František, der Anfang der 90er Jahre nach Wien kam, ist eine lebendige Erinnerung an eine Zeit, in der das wertvollste Datenbank persönliche Kontakte und das Gemeinschaftsleben waren. Seine Erzählung zeigt, wie die tschechoslowakische Diaspora es schaffte, ein zweites Zuhause durch Kultur, gegenseitige Hilfe und eine unauffällige Zeitschrift zu schaffen.
Der Beginn der 90er Jahre war für viele Tschechen und Slowaken eine Zeit neuer Möglichkeiten, aber auch ein Sprung ins Unbekannte. František fand sich nach seiner Ankunft in Wien genau in dieser Situation wieder – in einer pulsierenden Metropole, die jedoch fremd und unpersönlich war. Seine ersten Schritte, ähnlich wie die Schritte von Tausenden anderen vor und nach ihm, führten zur Suche nach Anlaufpunkten. „Ich tat das, was viele andere taten – ich begann, nach ‚meinen‘ Leuten zu suchen,“ erinnert er sich.
Es ging nicht nur um einen Arzt oder Zahnarzt, der nicht nur seine gesundheitlichen Probleme verstand, sondern auch seine Sprache und Mentalität. Es ging um ein tieferes Bedürfnis – Menschen zu finden, die kulturell „seine“ waren. Diese Suche führte ihn zum Kulturverein der Tschechen und Slowaken in Österreich, einer Vereinigung, die über viele Jahre das Epizentrum des gesellschaftlichen Lebens eines Teils der tschechoslowakischen Gemeinschaft wurde.
Generationenbegegnung und Kultur als Bindemittel
Der Club, den František entdeckte, hatte eine spezifische DNA. Er wurde von Emigranten gegründet, die nach der Besetzung von 1968 aus der Tschechoslowakei geflohen waren. Diese Generation brachte eine andere Sicht auf die Welt mit als die älteren Landsmannschaften, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Wien aktiv waren. „Die älteren lokalen Vereinigungen, wie die Baráčnici, schauten von oben auf sie herab und bezeichneten sie als Kommunisten,“ beschreibt František die damalige Spannung.
Während sich traditionelle Vereine der Organisation von Bällen in Trachten und der Pflege folkloristischer Traditionen widmeten, konzentrierte sich der Club der „68er“ auf zeitgenössische Kultur. Seine Aktivitäten, finanziell unterstützt vom österreichischen Bundeskanzleramt im Rahmen eines Programms für nationale Minderheiten, waren reichhaltig und regelmäßig. Mindestens einmal im Monat fand im Theatersaal des Tschechischen Gymnasiums am Sebastianplatz eine Veranstaltung statt, die Dutzende von Landsleuten anzog.
Für Menschen, die weit weg von zu Hause lebten, waren diese Abende mehr als nur Unterhaltung. Ein Live-Auftritt des Theaters Járy Cimrmana bedeutete, in einen intelligenten Humor einzutauchen, den nur sie verstanden. Ein Konzert von Marta Kubišová, der Ikone des Prager Frühlings, war nicht nur ein musikalisches Erlebnis, sondern auch ein starkes emotionales und politisches Zeichen. „Ich erinnere mich an das Konzert von Marta Kubišová, ich wurde beauftragt, einen schönen großen Blumenstrauß zu kaufen,“ fügt František eine persönliche Erinnerung hinzu, die illustriert, wie die Mitglieder der Gemeinschaft aktiv am Clubleben teilnahmen. Ein ebenso starkes Moment war das gemeinsame Konzert der Legenden Vladimír Mišík und Janko Lehotský. Diese Veranstaltungen waren eine Brücke, die die alte Heimat mit dem neuen Leben in Österreich verband.
Eine Zeitschrift, die wertvoller war als das heutige Internet
Neben kulturellen Veranstaltungen gab der Club auch eine eigene Monatszeitschrift heraus. Auch hier trug František mit seiner Feder bei und schrieb gelegentlich etwas. Die Zeitschrift erfüllte die klassische Informationsfunktion – die Leser erfuhren, „was war und was sein wird“. Doch ihr größter Schatz verbarg sich auf der Rückseite.
In einer Zeit ohne Internet war diese Seite für viele Neuankömmlinge in Wien unbezahlbar. Dort fand sich eine regelmäßig aktualisierte Liste tschechischer und slowakischer Ärzte und Zahnärzte, die in der Stadt tätig waren. Für jemanden, der sich über sensible gesundheitliche Angelegenheiten in seiner Muttersprache verständigen musste, hatte diese Liste einen Goldwert.
Die Gemeinschaft fühlte jedoch das Bedürfnis, diesen Service auch auf andere Berufe auszuweiten. „Es wären auch Anwälte oder Notare hilfreich gewesen, aber die durften angeblich gesetzlich nicht werben,“ erklärt František. Die strengen Regeln bezüglich der Werbung für juristische Berufe in Österreich hinterließen eine Lücke, die selbst die agile Gemeinschaftszeitschrift nicht füllen konnte. Dies zeigt, welche Schlüsselrolle die informelle Informationsweitergabe und persönliche Empfehlungen spielten.
Von gedruckten Adressen zu Online-Communities
František erkennt mit einem gewissen Abstand an, dass die Situation heute diametral anders ist. „In Zeiten des Internets kann man auch ohne solche Vereinigungen leben,“ gesteht er. Informationen, die früher mühsam gesammelt und über eine gedruckte Zeitschrift verbreitet wurden, sind heute mit ein paar Klicks verfügbar. Dennoch ist er überzeugt, dass sich das Wesentliche nicht geändert hat.
Das Bedürfnis nach Gemeinschaft, dem Teilen von Erfahrungen und gegenseitiger Hilfe bleibt bestehen. Nur die Form ändert sich. Die Rolle von Kulturvereinen und gedruckten Bulletins übernehmen heute Online-Foren und Facebook-Gruppen, wie die Gemeinschaft „Wiener“, die František erwähnt. Auch hier geben sich Landsleute Tipps, wo man einen guten Handwerker findet, wie man mit der österreichischen Bürokratie umgeht oder wo man slowakische Lebensmittel kaufen kann.
Die Geschichte des Kulturvereins der Tschechen und Slowaken ist also mehr als nur Nostalgie. Sie erinnert daran, dass Technologien zwar die Werkzeuge verändern, aber die menschlichen Bedürfnisse gleich bleiben. Ein Landsmann im Ausland hat auch heute andere Prioritäten als die Menschen „zu Hause“. Und das Gefühl, jemanden zu haben, der einen versteht, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat und bereit ist zu helfen, ist heute in der digitalen Ära ebenso wertvoll wie damals auf der Rückseite der kleinen Gemeinschaftszeitschrift.
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