DNA des zehnten Bezirks: Wien Favoriten

Ein Spaziergang über den Reumannplatz oder das Eintauchen in das geschäftige Treiben am Viktor-Adler-Markt genügt, um zu verstehen, dass der zehnte Wiener Bezirk, Favoriten, im Rhythmus von Dutzenden Sprachen und Kulturen pulsiert und lebt. Er ist nicht nur der bevölkerungsreichste, sondern auch der ethnisch vielfältigste Bezirk der österreichischen Hauptstadt. Sein gegenwärtiges multikulturelles Gesicht ist jedoch kein Zufallsprodukt oder kurzfristiger Trend. Es ist eine direkte Folge seiner Geschichte, die in Lehm, Ton und dem unermüdlichen Streben von Generationen nach einem besseren Leben verankert ist. Favoriten war von seiner Entstehung an ein Bezirk für die Ankommenden.
Die Geschichte des 10. Bezirks begann nicht in den prunkvollen Palästen im Stadtzentrum, sondern in Lehmlöchern am südlichen Rand der Stadt. Im 19. Jahrhundert, während des stürmischen Baus der großartigen Ringstraße und ikonischen Gebäude Wiens, war die Nachfrage nach Baumaterialien unstillbar. Und genau hier, in dem Gebiet, das später zum zehnten Bezirk wurde, hatte der Gigant Wienerberger, die größte Ziegelfabrik der Welt, seinen Sitz.
Fundamente aus Lehm und Ton
Die Arbeit in den Ziegelei war ein Höllenjob. Extrem körperlich anstrengend, gefährlich und miserabel bezahlt. Für die einheimischen Wiener war sie unvorstellbar. Daher wandten sich die Fabrikbesitzer dorthin, wo Armut und die Bereitschaft, unter allen Bedingungen zu arbeiten, herrschten – in die ärmeren Teile der Monarchie.
Zehntausende Menschen, vor allem aus Böhmen und Mähren, verließen ihre Heimat und kamen auf der Suche nach Arbeit. In der spöttischen, aber treffenden Bezeichnung „Ziegelböhm“ (Ziegler aus Böhmen) verbarg sich das Schicksal der ersten großen Migrationswelle, die den Charakter dieses Gebiets prägte. Sie lebten in provisorischen Hütten, sahen sich Ausbeutung ausgesetzt und bildeten eine separate Gemeinschaft am Rande der Gesellschaft.
Gerade sie legten den Grundstein für die Identität dieses Stadtteils als „Arbeiterbezirk“. Schon damals galt, dass dieser Teil Wiens ein Ort ist, an dem hart gearbeitet wird und wo neue Leben beginnen, die anderswo keinen Platz haben.
Neues Blut für das Wirtschaftswunder
Nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg stand Österreich wieder auf und erlebte in den 60er Jahren einen wirtschaftlichen Boom. Die Fabriken benötigten erneut Arbeiter, die auf dem heimischen Markt Mangelware waren. Die Geschichte wiederholte sich, nur mit neuen Akteuren. Aufgrund zwischenstaatlicher Abkommen begannen die sogenannten „Gastarbeiter“ (Gastarbeiter), hauptsächlich aus Jugoslawien und der Türkei, ins Land zu strömen.
Und welches Gebiet wäre für sie natürlicher als der 10. Bezirk? Dieser Stadtteil, der immer noch den Stempel eines Arbeiterumfelds trug, bot ihnen genau das, was sie benötigten: Arbeit in Industriebetrieben und, was entscheidend war, bezahlbaren Wohnraum. Die weitläufigen Komplexe der Gemeindewohnungen, bekannt als „Gemeindebauten“, wurden zum natürlichen Zufluchtsort für neuankommende Familien. Diese Gemeinschaften wuchsen allmählich, schufen ihre eigene Infrastruktur – Geschäfte, Cafés, Vereine – und fügten so eine weitere, diesmal balkanische und anatolische Schicht zur kulturellen Mosaik dieses Teils Wiens hinzu. Sie waren nicht mehr nur „Gastarbeiter“, sie wurden zu einem dauerhaften und untrennbaren Teil des Lebens im zehnten Bezirk.
Abdrücke des modernen Europas
Jedes bedeutende geopolitische Ereignis in Europa in den letzten fünf Jahrzehnten hat seine Spuren in Favoriten hinterlassen. Der Zerfall Jugoslawiens in den 90er Jahren brachte eine Welle von Flüchtlingen, die bei ihren Landsleuten, die eine Generation früher gekommen waren, Zuflucht fanden. Nach dem Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder zur Europäischen Union in den Jahren 2004 und 2007 wurde Favoriten zur logischen Wahl für viele Polen, Ungarn oder Slowaken, die Arbeit suchten. Seine Erreichbarkeit, verstärkt durch die Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs und die Verlängerung der U-Bahn-Linie U1, machte es zum idealen Ausgangspunkt. Die letzte große Welle war die Flüchtlingskrise im Jahr 2015, die Menschen aus Syrien, Afghanistan und anderen konfliktgeplagten Ländern hierher brachte.
Das Ergebnis ist eine demografische Realität, die kein anderer Wiener Bezirk aufweist. Mit über 200.000 Einwohnern ist Favoriten eine Stadt in der Stadt. Etwa die Hälfte seiner Bewohner hat direkte Wurzeln im Ausland. Diese Diversität ist nicht nur eine statistische Zahl, sie ist pulsierendes Leben auf den Straßen, wo die Aromen von Kebabs mit dem Duft von Langosch verschmelzen, wo in den Parks in Dutzenden Sprachen gesprochen wird und wo eine österreichische Bäckerei, ein serbischer Grill und ein türkischer Supermarkt nebeneinander stehen.
Natürlich bringt eine solche Konzentration verschiedener Kulturen und sozialer Schichten auch Herausforderungen mit sich. Favoriten kämpft mit einer höheren Arbeitslosigkeit, sozialer Spannungen und dem Bedarf an intensiveren Integrationspolitiken, insbesondere im Bildungsbereich. Es wäre naiv, diese Probleme zu ignorieren. Gleichzeitig ist dieser Bezirk jedoch ein Labor der Zukunft und ein Beweis dafür, dass Zusammenleben möglich ist. Es ist ein Ort, an dem Wien in seiner unverfälschten, dynamischen und manchmal auch rauen Form erscheint.
Der 10. Bezirk bleibt somit seinem historischen Erbe treu. Er ist nach wie vor ein Ort für diejenigen, die mit Hoffnung kommen. Ob es sich um böhmische Ziegler im 19. Jahrhundert oder syrische Flüchtlinge im 21. Jahrhundert handelt, das Prinzip bleibt dasselbe. Dieser Bezirk wurde und wird von den Händen und Träumen der Einwanderer geprägt. Und genau darin liegt seine authentische und unverwechselbare Stärke.
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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Wiens https://de.wikipedia.org/wiki/Ziegelb%C3%B6hm Foto: https://cdn.pixabay.com/photo/2014/10/29/15/30/vienna-507950_1280.jpg












