Was der Feiertag Fronleichnam für Slowaken in Österreich bedeutet und warum man nicht zu Hause bleiben sollte?

Sich durch die überfüllten Gassen österreichischer Städtchen zu drängen, ist an normalen Tagen eine logistische Herausforderung, doch wenn Sie sich am zweiten Donnerstag nach Pfingsten in der österreichischen Region befinden, weicht der Verkehr etwas ganz anderem. Die Straßen werden von bunten Farben traditioneller Trachten, dem Duft frischer Blumen und den Klängen von Blasmusik erfüllt. Für Tausende von Slowaken, die in Österreich leben, arbeiten oder pendeln, ist dieser Tag vor allem ein Synonym für die ersehnte Freizeit. Der Kalender zeigt einen Feiertag mit dem Namen Fronleichnam.

Hinter diesem für uns sprachlich seltsamen Wort verbirgt sich nicht nur ein freier Donnerstag, der geradezu zu einem verlängerten Wochenende einlädt, sondern auch einer der visuell beeindruckendsten religiösen und kulturellen Tage im Land unter den Alpen. Was feiern die Österreicher an diesem Tag eigentlich, warum bleiben ihre Geschäfte hermetisch geschlossen und welche bizarren sowie bezaubernden Traditionen können Sie gleich hinter der slowakischen Grenze erleben?

Ein sprachliches Missverständnis, das Ausländer erschreckt

Wenn Sie moderne Deutschkenntnisse auf einem grundlegenden Niveau haben, kann das Wort Fronleichnam bei Ihnen leicht Gänsehaut auslösen. Der Begriff Leichnam bedeutet heutzutage nämlich „Leiche“ oder „Bestattungsreste“. In Kombination mit dem kirchlichen Kontext könnte ein unbedarfter Beobachter denken, dass die Österreicher eine Massen Trauer halten oder ein gespenstisches historisches Ereignis gedenken.

Die Wahrheit ist jedoch in einer tiefen linguistischen Geschichte verwurzelt und trägt eine völlig gegensätzliche, feierliche Bedeutung. Wir müssen in die Zeit des Mittelhochdeutschen zurückblicken, wo das Wort vron „Herr“ oder „göttlich“ bedeutete und der Ausdruck lichnam nicht den toten Körper bezeichnete, sondern im Gegenteil, den lebendigen menschlichen Körper und Organismus. Wenn wir diese beiden Hinweise zusammenführen, erhalten wir eine klare Übersetzung: „Der lebendige Körper des Herrn“ oder, wie wir es in der slowakischen katholischen Tradition kennen, das Fest des heiligsten Leibes und Blutes Christi – umgangssprachlich das Gottesleibfest.

In der Slowakei nehmen wir diesen Feiertag zwar wahr, er hat jedoch nicht den Status eines arbeitsfreien Tages, weshalb die Feiern bescheidener ablaufen, meist in den Innenräumen der Kirchen oder in deren unmittelbarer Nähe am nächsten Sonntag. Österreich hat jedoch die Tradition, den Glauben aus den dunklen Tempeln direkt auf die Plätze zu bringen, nie aufgegeben.

Die Vision einer Nonne und die aufgeschobene Freude von Ostern

Um zu verstehen, warum unsere westlichen Nachbarn mitten in der Woche frei haben, müssen wir ins 13. Jahrhundert zurückblicken. Die Entstehung dieses Feiertags ist mit der Augustinerin Juliana von Lüttich (aus dem heutigen Belgien) verbunden. Sie hatte eine sich wiederholende mystische Vision eines vollen Mondes, auf dem jedoch ein dunkler Fleck war, als ob ihm ein Stück fehlte. Dieses Phänomen deutete sie so, dass dem kirchlichen liturgischen Jahr ein wesentlicher Bestandteil fehlt – ein Fest, das die Eucharistie feiert, also die Gegenwart Christi im gewandelten Brot und Wein.

Theologisch ist dieser Tag eine Art „zweiter Gründonnerstag“. Während der Osterwoche wird zwar das letzte Abendmahl erinnert, doch die Atmosphäre der bevorstehenden Kreuzigung und die stille Trauer erlauben keine großartigen Feiern. Fronleichnam, der genau auf den sechzigsten Tag nach dem Ostersonntag fällt, fungiert somit als aufgeschobene, aber umso lautere und freudigere Feier desselben Geheimnisses. Der örtliche Bischof in Lüttich führte das Fest im Jahr 1246 ein, und knapp zwanzig Jahre später, im Jahr 1264, erhob Papst Urban IV. es zum Fest der gesamten westlichen Kirche. Die Texte dazu wurden damals von niemand Geringerem als dem berühmten Theologen Thomas von Aquin verfasst.

Wenn der Glaube die Straßen, Seen und Motorräder erobert

Das größte Erlebnis für einen Slowaken in Österreich ist zu sehen, wie diese jahrhundertealte Tradition im öffentlichen Raum lebendig wird. Nach der feierlichen Heiligen Messe, die in den Sommermonaten oft im Freien in Parks oder auf Plätzen stattfindet, formiert sich ein großartiger Umzug – eine Prozession.

An der Spitze schreitet ein Priester, der eine reich verzierte goldene Monstranz mit der Hostie trägt. Über ihm tragen vier Männer einen Stoffbaldachin, den die Österreicher nicht anders als Himmel (Himmel) nennen. Hinter ihnen folgen Hunderte von Menschen. Die gesamte Veranstaltung ist eine Schau lokaler Patriotismus und kulturellen Erbes. Die Einheimischen holen ihre besten traditionellen Trachten (Trachten) aus den Schränken – Frauen tragen elegante Dirndle, Männer Lederhosen (Lederhosen). Im Umzug fehlen uniformierte freiwillige Feuerwehrleute, Jagdvereine, Kinder in weißen Kleidern nach der ersten heiligen Kommunion und natürlich die lokale Blaskapelle (Blasmusik), deren Klänge sich durch das ganze Tal ziehen.

Die Ästhetik des gesamten Tages ist bis ins kleinste Detail durchdacht. Die Bewohner der Städte entlang der Prozessionsstrecke schmücken die Fenster ihrer Häuser mit Blumen, Kerzen und heiligen Bildern. An den Straßen werden junge Birken befestigt und Kinder werfen Blütenblätter unter die Füße der Prozession. In den südlichen Teilen Österreichs, insbesondere in der Steiermark und Kärnten, haben sie die Kreativität noch weiter gesteigert. Dort schaffen die einheimischen Frauen aus Tausenden von lebenden Blumen gigantische bunte Teppiche und religiöse Bilder auf dem Boden, die Touristen aus der ganzen Welt faszinieren.

Die Österreicher sind jedoch auch in der Lage, Traditionen an die moderne Zeit oder geografische Bedingungen anzupassen. In Oberösterreich, in malerischen Regionen rund um die Hallstätter See oder Traunsee, verlagert sich die Prozession vom festen Boden auf die Wasseroberfläche. Die Monstranz wird auf ein festlich geschmücktes Boot geladen, und Dutzende kleinerer Boote begleiten sie über die von massiven Berggipfeln umgebene Wasseroberfläche. In anderen Teilen des Landes können Sie an diesem Tag auf sogenannte „Biker-Prozessionen“ stoßen, bei denen traditionelle Pferde und Wagen durch Hunderte von polierten Motorrädern ersetzt werden, deren Besitzer nach der gemeinsamen Messe ihre Maschinen segnen lassen.

Praktischer Leitfaden für den slowakischen Nomaden

Für slowakische Staatsbürger, die in Österreich tätig sind, hat dieser Feiertag auch eine sehr pragmatische Dimension. Da es sich um einen staatlich anerkannten Feiertag handelt, gelten hier strenge Regeln. Alle Supermärkte, Einkaufszentren, Baumärkte und kleinere Geschäfte sind geschlossen. Ausnahmen bilden nur Betriebe an großen Bahnhöfen oder Tankstellen. Wenn Sie in Österreich arbeiten, garantiert Ihnen die Gesetzgebung bezahlten Urlaub.

In der österreichischen Arbeitskultur ist dieser Donnerstag ein entscheidender Punkt im Jahr für die Urlaubsplanung. Der folgende Freitag ist nämlich ein idealer Kandidat für den sogenannten Fenstertag oder Zwickeltag (Fenster-Tag). Wenn Sie einen Tag regulären Urlaubs für diesen Freitag opfern, erhalten Sie vier Tage ununterbrochenen Urlaub. Die österreichischen Autobahnen und Eisenbahnen (ÖBB) verstärken daher in dieser Zeit regelmäßig die Verbindungen, da Tausende von Familien zu ihrem ersten Sommerurlaub an die Seen oder in die Alpen aufbrechen.

Egal, ob Sie zu den praktischen Planern von verlängerten Wochenenden gehören oder gerne die kulturellen Besonderheiten des Landes entdecken, in dem Sie leben, Fronleichnam bietet eine einzigartige Gelegenheit, langsamer zu werden. Man muss nicht hinter verschlossenen Türen der Wohnung sitzen. Gehen Sie an diesem Tag in die nächste österreichische Stadt. Auch ohne den religiösen Kontext ist der Anblick einer Gemeinschaft, die zusammenhält, ihre Traditionen ehrt und den öffentlichen Raum in eine große Blumenbühne verwandelt, ein starkes kulturelles Erlebnis, das Ihnen hilft, die Seele unserer österreichischen Nachbarn besser zu verstehen.

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Verwendete Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Fronleichnam

Foto: https://www.pexels.com/de-de/foto/atemberaubender-blick-auf-die-neugotische-votivkirche-in-wien-34141278/