Was werden die Nachbarn sagen? Wie uns die Vergangenheit und die Jagd nach dem Image die Realität rauben

Eine ähnliche Situation, wie sie mir vor kurzem widerfahren ist, haben einige von euch vielleicht schon erlebt. Ich habe darüber nachgedacht, was im Leben eines jeden von uns wichtig ist und was wir uns oft einreden, um unser Image zu schützen. Seit meiner Kindheit kenne ich das Gerede und die Klatscherei mit dem Zusatz: Denk daran, was die Nachbarn sagen könnten! In meiner Generation hat der Sozialismus tiefe Narben hinterlassen, die wir bis heute tragen. Jüngere Generationen sind offener, vielleicht sogar zu offen, wenn sie für soziale Medien leben.
In meiner Kindheit bin ich mit dem Gedanken aufgewachsen, mich nach der damaligen „öffentlichen“ Meinung verhalten zu müssen. Diese bestimmte genau, was richtig und was falsch ist, und das Hauptargument war: Denk daran, was die Nachbarn sagen, die Menschen um uns herum! Du kannst leben, wo du willst, wir bleiben hier und wollen ohne Scham leben. Ein Argument so hart wie ein Fels.
Die Illusion des perfekten Lebens und der Stolz auf den Erfolg
Eine der Frauen, die ich regelmäßig traf, trat in der Öffentlichkeit zurückhaltend auf. Sie war Magistra, auch wenn aus einem Regime, das längst nicht mehr existierte, aber auf ihren Titel legte sie großen Wert. Nach ihrer Ankunft in Wien hatte die Frau es schwer. Vier kleine Kinder, ein Mann in einem internationalen Konzern, Tage und Nächte bei der Arbeit.
Die Familie zog regelmäßig von Kontinent zu Kontinent. Die Frau opferte sich voll und ganz für die Familie, begann erst zu arbeiten, als die Kinder älter wurden. In ihrer Familie waren die Rollen klar verteilt, und der Mann hatte zu Hause die beste Unterstützung. Die Frau schränkte ihre Träume und Wünsche ein und arbeitete später nur in Teilzeit an der Schule. Ich lernte sie im Freundeskreis kennen. Sie war besonders, weil sie sich an Debatten nicht beteiligte, nicht über unseren Humor lachte, und Abstand hielt. Über sich selbst sprach sie nur wenig, und wenn, dann in den höchsten Tönen. Sie stellte sich als die Frau eines gut „verdienenden“ Mannes vor. Manchmal, wenn sie gute Laune hatte, verriet sie ein paar interessante Dinge und zeigte Fotos aus den Ländern, in denen sie mit ihrer Familie gelebt hatte. Sie liebte arabische Länder und flog dort mit ihrem Mann in den Urlaub, zu alten Freunden. In den wenigen Jahren, in denen wir uns im Freundeskreis kannten, gewöhnten sich alle an ihre Zurückhaltung, sie war einfach so. Sie mochte ihre Arbeit an der Schule, und wenn eine von uns sie fragte, wie man schwierige Probleme mit Kindern lösen sollte, schien sie aus einem Traum zu erwachen und analysierte die Situation mit Begeisterung und fand schnell eine Lösung.
Wenn die Masken fallen und nur die Realität bleibt
Bei einem kürzlichen Treffen alter Freundinnen, einige von uns nennen es „Oma-Treff“, kam unsere Lehrerin bedrückt, abgemagert und verändert. Was wir bis dahin nicht erlebt hatten, sie setzte sich und war für den ganzen Abend „die Beste“.
Vor ein paar Monaten wurde sie plötzlich Witwe, kurz nach ihrem Ruhestand. Ihr Mann war noch nicht einmal in Rente. Für die Witwe öffnete sich ein endloser Karussell von Problemen und Kämpfen mit der Verwaltung. Der Mann der Frau arbeitete in verschiedenen Ländern, hauptsächlich außerhalb der EU, und es fehlen Aufzeichnungen über Steuer- oder Sozialversicherungsbeiträge. In Österreich hatte er nicht einmal zehn Jahre gearbeitet und noch ein paar Jahre in der Slowakei, was zusammen eine minimale Rente ergibt. Die ehemalige Lehrerin war froh, dass sie seit mehr als fünf Jahren in Wien lebt und ihr Einkommen an der Grenze zum Minimum liegt. Sofort nach der Beerdigung musste sie die große und luxuriös eingerichtete Wohnung im ersten Bezirk räumen, in der sie mit ihrer Familie all die Wiener Jahre verbracht hatte. Um diese zu halten, fehlte das Einkommen. Ihre Tochter mit Familie nahm sie auf, die ein Familienhaus hat. Nach und nach wird sie eine städtische Wohnung aus sozialen Gründen beantragen, da ihr Einkommen gering ist.
Die frischgebackene Rentnerin erkannte nach dem Tod, dass sie eigentlich nicht wusste, wer ihr Mann war. Lange Jahre hatte er ihr eingetrichtert, dass das Geld in einer Bank im Nahen Osten liegt, aber das Konto, das sie fand, war nicht gerade üppig. Erst jetzt wurde der Frau bewusst, dass sie fast nie mit ihrem Mann gesprochen hatte. Er war das Oberhaupt der Familie und verdiente das Geld, also fragte sie nicht danach. Ihr Einkommen war nur ergänzend, wie ihr Mann sagte, für den Haushalt. Jahrelang war sie stolz auf die Karriere ihres Mannes, darauf, wie sie ihm ermöglicht hatte, sich voll zu entfalten. Die plötzliche Witwe findet langsam ihren Weg zu sich selbst, zu ihrem eigenen Ich. Trotz der Trauer hörten wir stark aus ihrer Offenheit, dass sie erst jetzt viele Dinge im Leben neu entdeckt.
Sie beschwert sich nicht, nimmt das Leben mit Demut und wir haben nach Jahren eine Frau kennengelernt, die andere menschliche Prioritäten hat und nicht mehr „nur“ die Frau eines erfolgreichen Mannes ist. Sie ist endlich sie selbst und wir glauben, dass unsere Bekanntschaft zu echter Freundschaft wachsen wird. Im Freundeskreis betonte sie mehrmals, wie wichtig es ist, im sozialen System der EU angemeldet zu sein, wo die Länder gegenseitigen Zugang zu Informationen haben. Sie bedauert nicht, dass sie in interessanten Ländern gelebt hat, viel gesehen hat und sich jetzt an das Leben anpassen muss, das viele von uns kennen. Sie ist nicht mehr die Frau „aus der Welt“, sie ist eine von uns geworden. Die Bearbeitung der Witwenrente wird noch Monate dauern und erfordert viel Geduld.
Ihre Jana
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