Zigaretten sind im Rückgang, doch die Abhängigkeit junger Menschen wächst dank des „duftenden“ Rauchs

Österreich zählt seit langem zu den Ländern, die eine engere Beziehung zu Tabak haben, als es aus gesundheitlicher Sicht gesund wäre. Obwohl die Wiener Kaffeehäuser längst nicht mehr in einem undurchdringlichen bläulichen Dunst gehüllt sind, deutet eine neue wissenschaftliche Analyse darauf hin, dass der Kampf gegen Nikotin noch lange nicht gewonnen ist. Es ändern sich nur die Werkzeuge und die Demografie der Opfer. Die umfassende LEAD-Studie, die vom Ludwig Boltzmann Institut für Lungengesundheit in Zusammenarbeit mit führenden medizinischen Einrichtungen durchgeführt wird, bietet einen alarmierenden Blick darauf, wie sich die Gewohnheiten der Bevölkerung im letzten Jahrzehnt verändert haben.
Zwölf Jahre Beobachtung von mehr als 15.000 Menschen von der Kindheit bis ins Alter zeigen einen klaren Trend: Während ältere Jahrgänge auf klassische Zigaretten verzichten, gerät die aufkommende Generation über technologische Neuheiten in den Bann von Nikotin, die sich als harmloses Lifestyle-Accessoire präsentieren.
Generation Z und die Nikotinfalle mit fünfzehn Jahren
Eines der gravierendsten Ergebnisse der Studie ist das stabil niedrige Alter, in dem Österreicher erstmals zu Nikotinprodukten greifen. Die magische Grenze hat sich auf das fünfzehnte Lebensjahr eingependelt. In einer Zeit, in der sich das Lungengewebe noch entwickelt und der präfrontale Kortex – verantwortlich für Entscheidungen und Impulskontrolle – turbulente Veränderungen durchläuft, begegnet der junge Organismus einer hochgradig süchtig machenden Substanz.
„Die Daten zeigen eindeutig, dass etwa sieben Prozent der Jugendlichen bereits regelmäßig Nikotin konsumieren“, warnt Robab Breyer-Kohansal, wissenschaftliche Leiterin der LEAD-Studie und Leiterin der Lungenabteilung an der Klinik in Hietzing. Ihr zufolge ist es besonders besorgniserregend, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern praktisch verschwunden sind. Mädchen greifen heute ebenso intensiv zu Vapes oder Zigaretten wie Jungen, was zukünftige Patienten in den Lungenambulanzen unabhängig vom Geschlecht vorhersagt.
Das Problem ist nicht nur die Abhängigkeit selbst, sondern auch der biologische Zeitpunkt. Die Lungen eines jungen Menschen sind in diesem Alter extrem sensibel. Jegliche Fremdstoffe, sei es durch Tabakverbrennung oder Aerosole von E-Zigaretten, können die zukünftige Lungenkapazität dauerhaft einschränken und die Grundlagen für chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter legen.
Der Mythos der „gesünderen“ Alternative
Das Marketing der Tabakgiganten und Hersteller von elektronischen Nikotinzulieferungssystemen (ENDS) hat in den letzten Jahren massiv in die Erzählung von der „weniger schädlichen Alternative“ investiert. Die LEAD-Studie korrigiert jedoch dieses Bild erheblich. Der aktuelle Trend bei jungen Menschen weicht von traditionellem Tabak hin zu E-Zigaretten, Vapes und erhitzten Tabakprodukten ab. Diese werden als sauberer, duftender und gesellschaftlich akzeptabler wahrgenommen.
Wissenschaftliche Daten enthüllen jedoch ein Phänomen, das Experten als „parallelen Konsum“ bezeichnen. Viele Nutzer geben die Zigaretten nicht vollständig auf. Stattdessen nutzen sie in Bereichen, in denen das Rauchen verboten ist, E-Zigaretten und zünden sich in der Kneipe oder an der Haltestelle eine klassische „Sparta“ an. Das Ergebnis ist kein geringeres Risiko, sondern oft eine höhere Gesamtnikotinaufnahme über den Tag.
„Weniger gerauchte klassische Zigaretten bedeutet nicht automatisch eine geringere Nikotexposition“, erklärt Breyer-Kohansal. Nikotin in jeglicher Form bleibt ein starker Vasokonstriktor (verengt die Blutgefäße) und eine Substanz, die die Neurochemie des Gehirns direkt beeinflusst. Bei jungen Menschen fungieren diese Produkte zudem als „Eingangstor“. Süße Aromen und technisches Design verringern den natürlichen Widerstand, den bei früheren Generationen der Geruch und das Reizgefühl des Rauchs hervorriefen.
Von Atemnot zu psychischen Problemen
Die Auswirkungen des Nikotinkonsums sind in der LEAD-Studie in einem breiten Spektrum dokumentiert. Es geht nicht nur um die gefürchtete Lungenkrebsdiagnose, die oft als Schreckgespenst einer fernen Zukunft wahrgenommen wird. Forscher haben bereits bei Menschen mittleren Alters, die mit dem Rauchen im erwähnten Alter von fünfzehn Jahren begonnen haben, eine reduzierte Lungenfunktion und Symptome einer beginnenden COPD festgestellt.
Neben physischen Symptomen rückt jedoch zunehmend der Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit in den Vordergrund. Es gibt eine starke Korrelation zwischen regelmäßigem Nikotinkonsum und einer erhöhten Rate an Angstzuständen und Depressionen. Obwohl Raucher oft „zum Beruhigen“ rauchen, stört Nikotin langfristig die psychische Stabilität, wodurch ein Teufelskreis von Abhängigkeit und emotionalem Unbehagen entsteht.
Hoffnung stirbt zuletzt (und mit gesunden Lungen)
Trotz der kritischen Erkenntnisse bringt die LEAD-Studie auch eine zentrale Botschaft der Hoffnung: Aufhören lohnt sich in jedem Moment. Die Daten bestätigen, dass die Lungen und das kardiovaskuläre System eine bemerkenswerte Regenerationsfähigkeit haben, wenn die Eliminierung von Schadstoffen rechtzeitig erfolgt.
Ein noch stärkeres Argument liefert die Weltgesundheitsorganisation (WHO), auf die sich die österreichischen Experten stützen. Es zeigt sich, dass das Aufhören mit dem Rauchen auch dramatisch positive Auswirkungen auf Patienten hat, bei denen bereits Krebs diagnostiziert wurde. Eine Person, die nach der Diagnose mit dem Rauchen aufhört, reagiert besser auf Chemotherapie und Bestrahlung, ihr Körper hat eine höhere Regenerationsfähigkeit und die statistische Überlebenschance steigt messbar. Nikotin beeinflusst nämlich nicht nur die Lungen, sondern auch die gesamte Immunantwort des Körpers.
Prävention als Staatsinteresse
Die Ergebnisse der zwölfjährigen Beobachtung sind ein klarer Appell an die Politiker und das Gesundheitssystem. Österreich, ähnlich wie die Slowakei, steht vor der Herausforderung, wie der Markt für neue Nikotinprodukte, die oft der Gesetzgebung einen Schritt voraus sind, effektiv reguliert werden kann.
Laut Experten, die an der LEAD-Studie beteiligt sind, ist es unerlässlich, sich auf drei Säulen zu konzentrieren:
Umfassende Aufklärung über „Alternativen“
Junge Menschen müssen verstehen, dass Vape nicht nur „aromatisierter Dampf“ ist, sondern ein chemischer Cocktail mit hohem Suchtpotenzial.
Screening und frühzeitige Diagnose
Programme zur frühzeitigen Erkennung von Lungenkrebs, die bereits an Kliniken in Wien (Hietzing, Ottakring, Floridsdorf) durchgeführt werden, müssen massenhaft verfügbar sein, um pathologische Veränderungen in einem Stadium zu erfassen, in dem sie noch behandelbar sind.
Unterstützung beim Aufhören
Der Staat sollte nicht nur mit höheren Steuern bestrafen, sondern aktiv denen helfen, die sich von der Abhängigkeit befreien wollen, durch Fachberatungen und zugängliche Therapien.
Letztendlich erinnert die LEAD-Studie an das, was wir als Journalisten oft betonen: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die von der Unternehmenswerbung diktierte Abhängigkeit beginnt. Jede einzelne Zigarette, die es gelingt zu eliminieren, ist nicht nur ein statistischer Erfolg in den Grafiken der Wissenschaftler, sondern eine konkret gewonnene Zeit in Gesundheit für den Bürger dieser Gesellschaft.
Wir sollten uns daher nicht mehr fragen, ob Menschen frei wählen können, Rauch zu konsumieren, sondern beginnen zu fragen, wie wir ihnen helfen können, sich wieder für saubere Luft zu entscheiden.
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Quelle: Wiener Gesundheitsverbund Foto: Photo by Irina Iriser: https://www.pexels.com/photo/close-up-photography-of-a-person-holding-cigarette-798124/












