Alarmierende Arbeitsbedingungen: Fast die Hälfte der Pflegekräfte in Österreich hat Gewalt erfahren!

Der Sektor der 24-Stunden-Betreuung in Österreich, der für tausende Familien unverzichtbar ist, sieht sich aufgrund tiefgreifender und systemischer Probleme scharfer Kritik ausgesetzt. Eine kürzlich veröffentlichte umfassende Studie, durchgeführt von der Interessengemeinschaft IG24, offenbart die schockierende Realität des Arbeitslebens der Pflegekräfte, von denen die meisten Migrantinnen sind. Eine Umfrage unter 1427 Pflegekräften bestätigte nicht nur die weit verbreitete Praxis der Scheinselbstständigkeit und niedrige Einkommen, die zu Armut führen, sondern auch eine alarmierend hohe Rate an Gewalt und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Die Ergebnisse der Studie weisen auf ein „politisches Versagen von zwei Jahrzehnten“ hin und fordern dringend einen radikalen Wandel – den Übergang zu regulären Arbeitsverhältnissen.

Eine neue umfassende Studie, die auf einer Umfrage unter 1427 Pflegekräften (Personenbetreuer_innen) in Österreich basiert, hat schockierende und hochproblematische Arbeitsbedingungen im Sektor der 24-Stunden-Betreuung aufgedeckt. Die Ergebnisse, die von der Interessengemeinschaft IG24 (Interessengemeinschaft der 24h-Betreuer:innen) veröffentlicht wurden, zeigen ein systemisches Versagen und die erzwungene Abhängigkeit der Arbeitnehmerinnen.

​Wesentliche Ergebnisse der Studie

Fast 45 % der befragten Pflegekräfte gaben an, dass sie körperliche, verbale oder psychische Gewalt am Arbeitsplatz erfahren haben. Besorgniserregende 14 % der Befragten waren mit sexueller Belästigung konfrontiert. Bis zu 91 % der Pflegekräfte können nicht selbst über ihr Honorar verhandeln, was ein starkes Indiz für Scheinselbstständigkeit ist, bei der die Arbeitnehmerinnen formal selbstständig sind, aber in Wirklichkeit als Angestellte von Agenturen oder Haushalten agieren, jedoch ohne Arbeitnehmerrechte. Bis zu 65 % betrachten die Agentur als ihren Arbeitgeber. Nur 6 % der Pflegekräfte behaupten, dass sie von ihrem Einkommen gut leben können. Für 21 % reicht das Einkommen nicht aus. Das aktuelle Modell ist eher auf Migration aus Ländern mit niedrigeren Lebenshaltungskosten ausgerichtet.

​Fehlende soziale Absicherung: Pflegekräfte fordern dringend bessere soziale Absicherung:

​99 % halten Krankengeld für wichtig/sehr wichtig.

​96 % halten Arbeitslosengeld für wichtig/sehr wichtig.

​99 % fordern höhere Renten.

​Sie fordern auch regulierte tägliche Arbeitszeiten (97 %) und die Einhaltung von Pausen (99 %).

​Aufruf zur Veränderung des Modells

​Flavia Matei von IG24 kritisiert die Situation scharf: „Die Studie zeigt das Ergebnis von fast zwei Jahrzehnten politischen Versagens: Pflegekräfte werden in Österreich als Arbeitskräfte zweiter Klasse betrachtet. Sie sind gezwungen, in Situationen mit hohem Risiko für Ausbeutung, Überlastung und Gewalt zu arbeiten. Dafür erhalten sie extrem niedrige Honorare und fast keine Unterstützung von den österreichischen Behörden.“

​IG24 fordert nachdrücklich den Übergang zu einem Angestelltenmodell für Pflegekräfte in Österreich, ähnlich wie es beispielsweise in der Schweiz etabliert ist. Ihrer Meinung nach ist dies der einzige Weg, um die hochproblematischen Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern.

​Die Informationen und Forderungen, die die IG24-Studie präsentiert, stimmen mit den Erkenntnissen und der Kritik überein, die auch von anderen Akteuren, einschließlich Gewerkschaften, gemeinnützigen Organisationen und der akademischen Gemeinschaft, seit langem geäußert werden.

​Scheinselbstständigkeit: Mehrere Quellen, einschließlich früherer Studien und Berichte, weisen seit langem auf die weit verbreitete Praxis der Scheinselbstständigkeit in der 24-Stunden-Betreuung hin. Pflegekräfte, oft Migrantinnen aus Osteuropa, sind stark von Vermittlungsagenturen abhängig. Die Arbeitsbedingungen ähneln oft stark einem Angestelltenverhältnis (z. B. keine Vertretungsmöglichkeiten, ständige Anwesenheit im Haushalt, hohe Abhängigkeit von der Agentur), doch die Pflegekräfte sind gezwungen, als Selbstständige zu arbeiten, wodurch sie Ansprüche aus dem Arbeits- und Sozialrecht (bezahlter Urlaub, Krankengeld, Arbeitslosengeld, Kündigungsschutz) verlieren.

​Gewalt und Ausbeutung: Themen wie Gewalt, sexuelle Belästigung und Ausbeutung wurden in der Vergangenheit ebenfalls thematisiert, insbesondere im Hinblick darauf, dass Pflegekräfte im Haushalt des Klienten arbeiten und leben, was Isolation schafft und es erschwert, grenzüberschreitende Situationen zu lösen oder aus gewalttätigen Umgebungen zu fliehen.

​Aktuelle rechtliche Rahmenbedingungen: In Österreich gibt es zwar die Möglichkeit einer Anstellung gemäß dem Hausbetreuungsgesetz, jedoch überwiegt das Modell der Selbstständigkeit nach dem Gewerberecht. Agenturen fungieren als Vermittler, nicht als Arbeitgeber.

​Forderung nach einem Angestelltenverhältnis: Der Kampf von IG24 für den Übergang zu regulären Arbeitsverhältnissen und für bessere soziale Absicherung ist ihre langfristige und zentrale Forderung, die auch Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen und Arbeitnehmervertretern (z. B. Arbeiterkammer) findet.

​Die Ergebnisse der IG24-Studie bestätigen und quantifizieren die seit langem kritisierten strukturellen Probleme dieses Sektors.

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Quellen: ​Neue Studie IG24: Original-Pressemitteilung und Studie IG24 – Interessengemeinschaft der 24h-Betreuer:innen. APA-OTS / IG24: Berichte, die die Erkenntnisse über Gewalt, Scheinselbstständigkeit und niedrige Honorare bestätigen (z. B. Berichte vom 26./27. November 2024). Ältere Berichte und Analysen zur 24-Stunden-Betreuung in Österreich (Artikel aus den Jahren 2022 und 2021) bestätigen die anhaltenden Probleme mit Scheinselbstständigkeit, fehlender sozialer Absicherung und dem Risiko von Gewalt/Ausbeutung. Amnesty International / Gewerkschaften: Dringende Aufrufe zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, zur Beendigung der Scheinselbstständigkeit und zur Sicherstellung der Menschenrechte für Pflegekräfte (Artikel aus den Jahren 2021 und 2024).

Foto: https://images.pexels.com/photos/8727583/pexels-photo-8727583.jpeg