Wiener Thaliastraße: Wie aus einer heißen Verkehrsader ein klimafreundlicher Boulevard für Menschen wurde

Einst war sie eine der heißesten Straßen in Ottakring. Heute ist sie ein Musterbeispiel dafür, wie eine moderne Stadt dem Klimawandel begegnen kann. Die Rede ist von der Thaliastraße, die in den letzten vier Jahren eine radikale Transformation durchlaufen hat. Aus einer verkehrsreichen Asphalt- und Betonschneise wurde ein lebendiger Boulevard, in dem Menschen, Grünflächen und Wasser Vorrang haben.
Wien kämpft, wie viele andere europäische Metropolen, mit dem Phänomen der städtischen Wärmeinseln. Dicht bebaute Gebiete mit minimalem Grün verwandeln sich während der Sommerhitze in unangenehme und gesundheitsschädliche Orte. Die Thaliastraße, eine belebte Einkaufsstraße im 16. Bezirk, war ein typisches Beispiel für dieses Problem. Breite Fahrspuren, Parkplätze und enge Gehwege, gesäumt von Gebäudefassaden, schufen ein Umfeld, das Wärme ansammelte und kaum Möglichkeiten zum Entspannen im Schatten bot.
Die Stadt entschied sich jedoch für eine radikale Lösung. Im Rahmen der ehrgeizigen Initiative „Raus aus dem Asphalt“ startete sie im Jahr 2021 einen umfassenden Umbau der 2,8 Kilometer langen Straße. Ziel war nicht nur eine kosmetische Anpassung, sondern eine funktionale Umwandlung in den sogenannten „Klimaboulevard“ – einen Raum, der aktiv seine Umgebung kühlt, Wasser speichert und den Bewohnern eine hohe Lebensqualität bietet. Im Juli 2025 wurde das Projekt erfolgreich abgeschlossen.
Rezept zur Abkühlung der Stadt: Bäume, Wasser und helle Pflastersteine
Die Grundlage der Transformation war das massive Entfernen von versiegelten Flächen. Insgesamt wurden unglaubliche 20.000 Quadratmeter Fläche entsiegelt, was fast drei Fußballfeldern entspricht. Asphalt und Beton wurden durch neue Grünflächen und durchlässige Pflastersteine ersetzt, die es Regenwasser ermöglichen, natürlich in den Boden einzusickern. Dadurch wird nicht nur die Umgebung gekühlt, sondern auch das Abwassersystem während Starkregen entlastet.
Ein zentrales Element des Projekts ist die Begrünung. Entlang der gesamten Straße wurden etwa 240 neue Bäume gepflanzt, die in Zukunft ein zusammenhängendes grünes Gewölbe bilden und den gewünschten Schatten spenden werden. Zudem wurden 2.800 Quadratmeter neue Rasen- und Blumenbeete angelegt.
Der zweite Pfeiler der Klimaanpassung ist Wasser. An der Thaliastraße wurden 26 Trinkbrunnen und bis zu 41 Nebelduschen installiert, die an heißen Tagen feinen Wassernebel versprühen und das Luftgefühl abkühlen. Für Kinder und spielerische Erwachsene entstanden auch mehrere Wasserspiele, die sofort zum Mittelpunkt des Geschehens wurden. Diese Maßnahmen kühlen nicht nur, sondern machen die Straße auch zu einem attraktiveren und angenehmeren Raum.
Das Design dachte auch an Details wie die Farbe der Oberflächen. Dunkler Asphalt wurde durch helle Granitpflastersteine ersetzt, die Sonnenstrahlung besser reflektieren und weniger aufheizen, was zur Senkung der Gesamttemperatur auf der Straße beiträgt.
Die Stimme des Volkes: Ein Projekt, das auf Tausenden von Anregungen basiert
Die Transformation der Thaliastraße ist nicht nur ein Projekt von Beamten und Architekten. Ihre endgültige Form ist das Ergebnis eines umfangreichen Prozesses der Bürgerbeteiligung, der bereits 2020 begann. Die Stadt Wien erkannte, dass ein solch grundlegender Eingriff in das Leben des Stadtteils nur im Dialog mit denjenigen, die am stärksten betroffen sind – den Bewohnern und lokalen Unternehmern – realisiert werden kann.
Die Koordinatoren der Organisation Gebietsbetreuung Stadterneuerung (GB*) wählten trotz pandemiebedingter Einschränkungen eine Kombination mehrerer Methoden. Es fanden Online-Diskussionen mit Experten statt, die Menschen konnten detaillierte Fragebögen ausfüllen und ihre Ideen per E-Mail senden. Gleichzeitig wurde auch direkt vor Ort Feedback gesammelt. So beteiligten sich etwa 3.000 Menschen an dem Prozess.
Die Ergebnisse waren eindeutig. Bis zu 90 % der Teilnehmer wünschten sich mehr Bäume und Grünflächen. Es gab auch eine enorme Nachfrage nach Sitzgelegenheiten, die nicht an den Konsum in Cafés oder Restaurants gebunden sind. Sicherheit und Komfort für Fußgänger und Radfahrer waren ebenfalls Prioritäten. Forderungen nach breiteren, barrierefreien Gehwegen und einer Beruhigung des Autoverkehrs gehörten zu den häufigsten. All diese Anregungen wurden zu verbindlichen Grundlagen für das endgültige Projekt.
Neue Prioritäten im Verkehr: Der Mensch hat Vorrang, nicht das Auto
Der Umbau hat auch das Verkehrssystem auf der Straße grundlegend verändert. Der Autoverkehr wurde durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h gedämpft. Fußgänger erhielten durch die Erweiterung der Gehwege auf bis zu sechs Meter unvergleichlich mehr Platz. Die gesamte Straße ist jetzt barrierefrei, was die Fortbewegung für Eltern mit Kinderwagen und Senioren erleichtert.
Auch der Komfort der Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr hat sich grundlegend verbessert. Die Straßenbahnhaltestellen wurden so angepasst, dass die Menschen direkt von der Gehwegebene einsteigen können, wodurch gefährliches Überqueren der Straße vermieden wird. An dem wichtigen Umsteigepunkt U3 Ottakring wurde die Haltestelle optimiert, was die Wege beim Umsteigen in die U-Bahn erheblich verkürzt hat.
Das Projekt dachte auch an Radfahrer. Es wurden 130 neue Fahrradparkplätze geschaffen, und in den angrenzenden Straßen ist das Fahren in Gegenrichtung erlaubt, was die Radinfrastruktur in der gesamten Gegend verbessert.
Die Geschichte der Transformation der Thaliastraße, die auch aus europäischen Fonds mitfinanziert wurde, ist ein Beispiel dafür, dass der Kampf gegen den Klimawandel nicht nur auf globalen Konferenzen stattfindet, sondern direkt auf unseren Straßen. Wien beweist, dass Investitionen in Grünflächen, Wasser und öffentlichen Raum kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für eine gesunde und funktionale Stadt der Zukunft sind. Es ist eine Investition in das tägliche Leben ihrer Bewohner.
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Quelle: https://www.wien.gv.at/ottakring/thaliastrasse-neu Foto: https://pixabay.com/de/photos/vienna-panorama-%C3%B6sterreich-stadt-427932/












