Hier gilt schon lange nicht mehr die Stille. Die Wiener Bibliotheken ändern die Regeln, verleihen Ihnen eine Bohrmaschine und einen Plattenspieler

Die Vorstellung von einer öffentlichen Bibliothek als einem staubigen Raum, in dem die strenge Bibliothekarin die Besucher wegen des lauteren Raschelns der Seiten ermahnt, ist in der Hauptstadt Österreichs endgültig Vergangenheit. Die Stadtbibliotheken in Wien durchlaufen eine stille Revolution und verwandeln sich von Stätten klassischer Literatur in moderne Gemeinschafts- und Technologietreffpunkte. Der heutige Besucher kommt hier längst nicht mehr nur für Belletristik oder Fachliteratur. Wien zeigt, wie eine öffentliche Institution des 21. Jahrhunderts aussehen sollte, die auf die sich verändernden Bedürfnisse der Bürger, den Trend der Sharing Economy und den Aufstieg neuer Technologien reagiert.
Obwohl das Grundangebot weiterhin aus einer respektablen Sammlung von etwa 1,4 Millionen gedruckten und digitalen Medien besteht, erfüllt das Netzwerk von 36 Zweigstellen, das sich über 21 Wiener Bezirke erstreckt, heute eine radikal andere Funktion als vor zehn Jahren. Es hat sich zu einem offenen Raum für Kreativität, Bildung, Digitalisierung analoger Erinnerungsstücke und ökologisch nachhaltiges Verhalten entwickelt. Dass diese Strategie funktioniert, belegen auch die Zahlen: Im Jahr 2025 verzeichnete das Netzwerk mehr als 6,7 Millionen Ausleihen und organisierte über 9.600 kulturelle und bildungsbezogene Veranstaltungen, wodurch es zu den größten und aktivsten Bibliothekssystemen in ganz Österreich zählt.
Kehren Sie zum Analogen zurück und nehmen Sie es als MP3 mit
Eines der auffälligsten Beispiele für die Transformation finden Sie direkt in der Hauptbibliothek (Hauptbücherei). Für Musikliebhaber wurde hier eine spezielle Zone namens Vinyl Corner geschaffen. In einer Zeit, in der der Musikfluss durch immaterielle Streaming-Dienste dominiert, erlebt Vinyl eine weltweite Renaissance – und die Wiener Bibliothekare haben auf diesen Trend mit außergewöhnlichem Gespür reagiert.
Besucher haben kostenlos Zugang zu einer kuratierten Auswahl von 876 Schallplatten. Das Genre-Spektrum ist breit: von Pop und Jazz über klassische Musik bis hin zu Aufnahmen der Weltmusik. Das gesamte Konzept endet jedoch nicht beim passiven Zuhören. Das Archiv dient auch als Brücke zwischen der Vergangenheit und der digitalen Gegenwart. Wenn Sie zu Hause alte Platten von Ihren Eltern oder Großeltern haben, die verstauben, aber keinen Ort haben, um sie abzuspielen, bietet die Wiener Bibliothek eine Lösung.
Jeder Besucher über 15 Jahren kann sich einen zweistündigen Zeitblock an einem speziellen Digitalisierungsgerät reservieren. So können sie eine Aufnahme von der Schallplatte in ein modernes digitales Format umwandeln und für zukünftige Generationen aufbewahren. Neben mobilen Plattenspielern finden Interessierte im Vinyl Corner auch ein elektronisches Klavier (E-Piano). Wenn Sie vom Musikhören inspiriert werden, können Sie sich an die Tasten setzen, Kopfhörer aufsetzen und direkt vor Ort Ihre eigene Kreation ausprobieren, ohne andere Besucher zu stören.
Warum etwas kaufen, das Sie nur einmal im Jahr benutzen?
Ein noch grundlegenderer Wandel im Verständnis des öffentlichen Dienstes stellt das Projekt „Bibliothek der Dinge“ (Bücherei der Dinge) dar. Dieses Konzept reagiert direkt auf die Herausforderungen der Überkonsumtion, hohen Lebenshaltungskosten und der Notwendigkeit, natürliche Ressourcen zu schonen. Die Philosophie ist einfach: Gegenstände zu besitzen, die man nur gelegentlich benötigt, ist ineffizient und finanziell belastend.
In den Zweigstellen Neues Landgut, Schwendermarkt, Weisselbad und Seestadt Aspern finden Sie neben den Bücherregalen ganz andere Dinge für den Alltag. Müssen Sie am Wochenende ein Bild aufhängen oder einen neuen Schrank zusammenbauen? In der Bibliothek können Sie anstelle von teurem Werkzeug eine Bohrmaschine oder einen Schraubendreher-Satz ausleihen. Planen Sie einen saisonalen Campingausflug oder eine Familienfeier? Es stehen Campingbedarf, Sportgeräte oder Küchengeräte zur Verfügung, die Ihnen zu Hause den Rest des Jahres nur wertvollen Platz in den Schränken wegnehmen würden.
Dieser Ansatz bringt dreifachen Nutzen: Er spart Geld für die Bürger, reduziert die Menge an Abfall, die mit der Herstellung und Entsorgung wenig genutzter Produkte verbunden ist, und macht gleichzeitig die Ausstattung auch für sozial benachteiligte Gruppen zugänglich, die sich einen solchen Kauf sonst nicht leisten könnten.
Von 3D-Druck bis Greenscreen: Digitale Werkstatt für alle zugänglich
Moderne Bibliotheken konzentrieren sich nicht nur auf den Konsum von Informationen, sondern werden auch zu Orten ihrer Schaffung. Ein herausragendes Beispiel ist die technologische Werkstatt – der sogenannte Makerspace – in der Zweigstelle Neues Landgut. Dieser Raum überwindet die Barrieren zwischen der Laienöffentlichkeit und fortschrittlichen Technologien.
Der Makerspace fungiert als offene Werkstatt, in der jeder die Möglichkeit hat, mit modernster technischer Ausstattung zu arbeiten. Hier finden sich 3D-Drucker, Schneideplotter, Fotokabinen mit grünem Hintergrund (Greenscreen) zur Erstellung von Videos und audiovisuellen Inhalten sowie verschiedene andere digitale Werkzeuge. Die Bibliothek organisiert regelmäßig kostenlose Workshops und offene Stunden unter der Leitung von Fachleuten. Egal, ob es sich um einen Designstudenten, einen Rentner mit Interesse an neuen Technologien oder einen Hobbyhandwerker handelt, jeder erhält die Möglichkeit, seine Ideen in reale Produkte umzusetzen, ohne Tausende von Euro in eigene Ausrüstung investieren zu müssen.
Die Türen sind auch dann geöffnet, wenn die Bibliothekare schlafen
Einer der häufigsten Einwände gegen öffentliche Dienstleistungen sind ihre begrenzten Öffnungszeiten, die oft mit den regulären Arbeitszeiten der meisten Menschen kollidieren. Wien hat dieses Problem mit der Einführung des Konzepts der Open Library (Selbstbedienungsbibliothek) gelöst.
In den Zweigstellen Hietzing, Margareten, Neues Landgut und Seestadt Aspern sind die Besucher nicht mehr nur auf die Anwesenheit von Mitarbeitern angewiesen. Inhaber eines Bibliotheksausweises können die Räumlichkeiten auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten betreten – früh am Morgen, spät am Abend oder an ausgewählten Tagen. Ein automatisiertes System ermöglicht es registrierten Nutzern, das Gebäude zu betreten, die benötigten Bücher zu suchen, sie selbst auszuleihen oder über Selbstbedienungsterminals zurückzugeben, oder die Räume zum Lernen und Arbeiten in einer ruhigen Umgebung zu nutzen.
Dieser Schritt erhöht die Verfügbarkeit kultureller und bildungsbezogener Ressourcen insbesondere für beschäftigte Studierende, berufstätige Eltern oder Menschen, die im Schichtdienst arbeiten. Es zeigt sich, dass das Vertrauen, das in die Bürger gesetzt wird, der Stadt in Form einer höheren Nutzung des öffentlichen Raums zurückgegeben wird.
Ein Modell für die Städte der Zukunft
Die Transformation der Wiener Stadtbibliotheken zeigt deutlich, wie sich eine traditionelle Gedächtnisinstitution an dynamische Veränderungen in der Gesellschaft anpassen kann. Die Bibliothek ist nicht mehr nur ein Lager für Papierdokumente. Sie ist ein Ort der Begegnung, ein kostenloser Bildungs-Hub, eine technische Werkstatt und ein praktisches Werkzeug für ein ökologisches Leben in der Stadt.
Für andere europäische Metropolen stellt Wien ein inspirierendes Modell dar: Investitionen in das Bibliothekssystem müssen sich nicht nur auf den Kauf neuer Buchtitel konzentrieren, sondern vor allem auf den Abbau von Barrieren, die Entwicklung von Gemeinschaften und den Zugang zu Technologien, die sonst für den Durchschnittsbürger unzugänglich bleiben würden.
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Verwendete Quellen:
Stadt Wien – Büchereien
Illustrationsfoto: By Häferl – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26875796
Autor: Boris Zima
Mail: boris.zima@viedencan.at












